Panerai - CEO Jean-Marc Pontroue

Auf ein Lunch mit: Panerai CEO Jean-Marc Pontroué

Fast 20 Jahre lang lenkte und formte Angelo Bonati die Florentinische Marke Panerai. Seit einem guten Jahr ist nun ein neuer Mann an Bord: Jean-Marc Pontroué, der seit fast 20 Jahren im Richemont Konzern arbeitet, war zuvor CEO der Marke Roger Dubuis. 

Bei unserem Besuch in der Hamburger Hafencity treffen wir Pontroué zum Lunch am Wasser – ein guter Ort, um über die Ursprünge und Zukunft einer Marke zu sprechen, die anfangs schon professionelle Uhren für die italienische Marine herstellte. Pontroué führt das Erbe seiner Vorgänger weiter, allerdings mit seiner ganz persönlichen Handschrift: er bringt innovative Materialien ins Spiel, hebt eine neue Kollektion aus der Taufe und ist erstaunlich aufgeschlossen gegenüber seiner Paneristi Community, ohne die Identität der Marke aus den Augen zu verlieren.

1. Was bedeutet für Sie eine mechanische Uhr? Welche Uhr tragen Sie heute und welche Uhr tragen Sie am häufigsten?


Eine echte Uhr ist immer mechanisch, sonst ist sie keine Uhr für mich. Es ist einfach schön, ein Kunstwerk am Handgelenk zu tragen. Bei meiner letzten beruflichen Station durfte ich ein Uhrwerk mit 300 Komponenten von Grund auf zusammenbauen, daher weiß ich die Schönheit des Werkes besonders zu schätzen.

- Das ist beeindruckend. Ist die Uhr letztendlich auch gelaufen?

(Pontroué lacht) Ja, ist sie. Das ist zumindest, was sie mir sagten.

Heute trage ich die Luminor Submersible BMG-Tech™ 3 Days Automatic 47 mm - PAM00692. Ich wechsle regelmäßig zwischen 3-5 Uhren durch. Wenn wir einen Prototyp produziert haben, nehme ich ihn auf Reisen mit um zu sehen, wie er sich entwickelt. Einer meiner persönlichen Favoriten ist die Submersible 1950 Carbotech. Die Bronzo ist natürlich auch eine großartige Uhr, allerdings trage ich sie nur privat.

- Warum?

Da es doch etwas ironisch ist ein Modell vorzuführen, auf das die Kunden lange warten müssen, oder gar nicht erst bekommen können. Das ist eine Frage des Respekts.

2. Sie sind seit fast 20 Jahren bei der Richemont Gruppe und seit einem guten Jahr CEO von Panerai. Was ist für Sie persönlich so besonders an der Florentinischen Marke?


Panerai Uhren sind in erster Linie emotionale Produkte, die darüber hinaus noch die Uhrzeit anzeigen. Präzise Schweizer Uhrmacherei verschmilzt mit der kreativen, italienischen Seite der Marke. Das ist recht einmalig in unserer Branche. Ein ziemlich interessanter Mix aus Kreativität und Teamgeist.

3. Im Jahr 1997 übernahm die Vendome Gruppe (heute Richemont) Officine Panerai. Warum war dieser Schritt damals für die Marke notwendig und inwiefern hat das seither zum Erfolg beigetragen?


Das Geschäft war damals fast zum Erliegen gekommen. Richemont hatte eine starke Vertriebsstruktur und hat Panerai zu einer der Top 20 Marken weltweit verholfen. Ich glaube, die Gruppe hat all ihre Kräfte und jahrelange Erfahrung mobilisiert, wovon die Marke Panerai stark profitieren konnte: wie positioniert man eine Marke im Luxus-Bereich, wie erschafft man Ikonen, wie belebt man Design Elemente neu und wie macht man aus Militär-Instrumenten Zeitmesser, die sowohl sportlich gekleidete Menschen, also auch Anzugträger tragen können. Zu dieser Zeit wurden eher kleinere Uhren getragen und wir kamen plötzlich mit 45 oder 47mm Durchmesser auf den Markt. Es war riskant, aber Richemont besitzt die jahrelange Erfahrung, um beurteilen zu können, ob eine Nachfrage im Markt besteht oder nicht. Und sie sollten Recht behalten.

4. Ihr Vorgänger Angelo Bonati hat der Marke in den letzten 20 Jahren zu enormem Erfolg verholfen. Welches Erbe werden Sie von Mr. Bonati weiterführen und welche eigene Strategie haben Sie im Visier?


Angelo ist verantwortlich für alles, was die Marke heute ausmacht. Er war sehr hinterher, dass die Marke keine allzu exotischen Veränderungen unternimmt. Er hatte ein Modell, dass er um die ‚Submersible‘, die ‚Due‘ und die ‚Radiomir‘ erweitert hat. Er hat Prozesse ins Unternehmen geholt, die zuvor ausgelagert waren und er war für die Entwicklung von neuen Materialien verantwortlich. Wir setzen heute fort, was Angelo seit 1997 angestoßen hat.

Ich glaube, was Porsche mit dem 911 geschafft hat ist vergleichbar mit unserer Marke. Sie haben seit 70 Jahren dieses ganz spezielle Automodell und haben über die Jahre ein paar Elemente verändert, so dass es sich heute wesentlich vom Original unterscheidet. Im Deutschen gibt es ein Wort: „Selbstähnlichkeit“, das ist es, was dieses Modell so besonders macht. Und genau das versuchen wir auch bei Panerai hervorzurufen. Das Produkt wird zur Ikone, ähnlich wie der Porsche 911. Die ‚Radiomir‘ wird man in den meisten Fällen sofort mit Panerai assoziieren. Es gibt nicht viele Uhrenmarken, wo ein Modell so stark mit einer Marke assoziiert werden kann.

5. Sie waren zuvor viele Jahre CEO von Roger Dubuis, einer Marke die stark vom Innovationsgeist getrieben ist. Liegt es vielleicht auch daran, dass bei Panerai verstärkt neuen Materialien und Komplikationen zu finden sind, wie bei den Neuheiten der diesjährigen SIHH 2019?


Die innovative Ader war schon lange vor meiner Zeit bei Panerai vorhanden und wird nun fortgesetzt, zum Beispiel mit der Carbotech, der BMG, dem Laboratorio di Idee oder dem neuen Recycling Thema. Im Grunde führe ich nur fort, was bereits angefangen wurde. Bei Panerai dreht es sich auf der einen Seite um die Innovation und den italienischen Geist auf der anderen Seite. Bei Roger Dubuis gibt es keine italienischen Wurzeln. Es ist eine Genfer Marke, die das Genfer Siegel trägt. Das ist bei Panerai nicht der Fall, da die Marke eine ganz andere Herkunft hat. Aber ich stimme Ihnen zu, Innovation spielt eine große Rolle bei beiden Marken.

- Passt der Innovationsgeist von Roger Dubuis überhaupt zu einer Marke wie Panerai?

Wenn es darum geht, neue Materialien einzuführen wird es die Kollektion ‚Submersible‘ sein, da hier unsere innovative Reise mit der Bronzo und BMG startete. Die Linie ‚Submersible‘ findet sich klar im Extremsport wieder. Alles was mit Innovation zu tun hat, wird also in der ‚Submersible‘ Kollektion stattfinden, wo es perfekt zu ihrem Zweck und geschichtlichem Hintergrund passt.

6. Was ist der Grund für die Trennung der Linie ‚Luminor Submersible’? Wofür steht jetzt die Kollektion ‚Luminor’ und wofür steht ‚Submersible’?


Wenn man neu in ein Unternehmen kommt, hinterfragt man erstmal alles. Eine meiner ersten Fragen war, warum die ‚Submersible‘ ein Teil von ‚Luminor‘ ist? Und die Leute sagen einem, dass das schon immer so war. Aber es ist meine Aufgabe das in Frage zu stellen. Rund 80 Prozent unserer Kunden sind Neukunden. Idealerweise muss man ihnen nicht das komplette Sortiment aufwendig erklären, sondern hält es simple für was die ‚Luminor‘, die ‚Submersible‘, die ‚Radiomir‘ oder die ‚Due‘ stehen. Es muss sie ansprechen, ohne viel erklären zu müssen. Als ich erfuhr, dass beide Modelle miteinander vermischt wurden, habe ich mich dazu entschieden, sie zu trennen und die ‚Submersible‘ als eigenständige Kollektion zu stärken. Wir möchten zwei Erfolgsgeschichten haben. Wir benutzen nicht dasselbe Rezept für beide Modelle. Bei der nächsten SIHH werden wir mehr dazu präsentieren. Der erste Schritt war, die beiden Modelle zu separieren um die ‚Submersible‘ als unser Überlebensinstrument für moderne Helden zu promoten, wie wir sie nennen.

7. Mit der neuen Kollektion ‚Submersible‘ scheinen Sie sich äußerlich weiter von der Vergangenheit mit Rolex zu lösen um eine eigene Geschichte von Panerai zu erzählen. War das auch Ihre Intention?


Das hatte für mich nie etwas mit der Vergangenheit mit Rolex zu tun. Das war ein Teil der Marken-Aktivitäten zu einer bestimmten Zeit, aber Panerai lebt seit einigen Jahrzenten schon komplett eigenständig. Die Idee war vielmehr, eine Linie zu kreieren, die eine potentielle neue Kundschaft aus dem Extremsport anspricht. Moderne Helden wie Guillaume Néry zum Beispiel, der mit über 100 Metern den Weltrekord im Tiefseetauchen hält und inzwischen Markenbotschafter von Panerai ist.

8. Was für einen Stellenwert hat Bronzo bei Panerai? Werden Sie die Geschichte von Bronzo weiter ausbauen?


Die Bronzo ist sicherlich ein weiteres Erbe, das wir Angelo zu verdanken haben. Daher nennen wir unsere neue Bronzo auch ‚Das Original‘. Er war es, der den Hype rundum Bronze Uhren startete, obwohl ihm die Leute dazu abgeraten haben. Es entstand durch seine Leidenschaft für das Segeln. Viele fragen mich, warum wir eine Uhr bewerben, die gar nicht mehr – oder stark limitiert - erhältlich ist. Es geht darum, dass alle Marken, die dieses Segment für sich entdeckt haben daran erinnert werden, dass das Bronze Thema Panerai Territorium ist.

9. Viele Sammler monieren, dass die neue Bronzo nicht mehr so stark limitiert ist wie vergangene Modelle. Warum haben Sie das gelockert? Will man dadurch schlichtweg noch größere Umsätze generieren?


Wenn es mir nur um den Profit gehen würde, dann hätte ich 10.000 anstatt 1.000 Stück produziert. Ich war vor kurzem in Japan und dort haben 50 potentielle Käufer auf die Bronzo gewartet. Und wir haben nur fünf Stück in der Boutique dort. Das gilt auch für unsere ‚Panerai Experience‘. Wenn ich rein profit-orientiert denken würde, könnte ich noch viele weitere Tickets verkaufen. Aber das ist das Besondere an Panerai – wir erwecken Freude und Begehrlichkeit mit limitierten Verfügbarkeiten. 

Was die Bronzo betrifft, so könnte ich 50 verschiedenen Farben in den nächsten 50 Jahren herausbringen. Wir hatten aber nur eine dunkelgrüne, eine blaue und eine braune Version in den letzten acht Jahren. Was kommt als nächstes, pink? Das entspricht nicht unserer Strategie. Die Herausforderung ist, wie man eine ikonische Uhr innerhalb einer ikonischen Marke aufbaut, die exklusiv ist ohne, dass man jedes Jahr eine neue Farbvariante präsentiert. Daher habe ich entschieden, die Produktion in den folgenden Jahren weiterzuführen, aber mit einer Limitierung von 1.000 Stück. 

Um es auf den Punkt zu bringen: im Jahr 2020 wird es die Bronzo Submersible 47 nicht in einer neuen Zifferblattfarbe geben. Nichtsdestotrotz haben wir viele kreative Ideen für die nächsten Jahren.

10. Die Paneristi sind weltweit eine einmalige Uhren Community. Wie erklären Sie sich den Hype der Paneristi um die Marke? Verfolgen Sie den Austausch?


Als ich bei Panerai anfing war es eines meiner ersten Anliegen, mich mit ihnen zu treffen. Wir haben 30.000 Fans, die uns auf Schritt und Tritt folgen. Sie unterstützen uns enorm, auch wenn es Kritiker gibt, aber wir sind letztendlich alle auf einer gemeinsamen Mission. Um ihre Loyalität über die vielen Jahren hinweg angemessen zu honorieren, waren sie die ersten, die wir über die ‚Experience‘ informierten. Im Oktober letzten Jahres haben sie bereits die Neuheiten gesehen, die wir dann vier Monate später auf der SIHH vorgestellt haben. Die Paneristi Community trifft sich jedes Jahr in einer anderen Stadt und ich versuche natürlich mit dabei zu sein. Das nächste Treffen ist in Amsterdam im Oktober dieses Jahrs.

- Ihr Engagement haben sie kürzlich erst für die deutsche Paneristi Community unter Beweis gestellt. Sie hat viele Jahre vergebens versucht, unter Ihrem Vorgänger eine Special Paneristi Edition zu lancieren. Sie hatten sofort ein offenes Ohr und kürzlich wurde die erste PAM01080 vorgestellt.

Ich wollte mich den Menschen erkenntlich zeigen, die uns unterstützen. Von den 300 Paneristi, die das letzte Jahr beim Treffen in Hong Kong dabei waren, kamen rund 20 aus Deutschland. Das ist der größte prozentuale Anteil aller Europäischen Länder. Wir werden nicht zwingend eine Sonderedition für jeden Markt machen, aber es gibt ein paar Länder für die es gerechtfertigt ist. Wir haben unsere erste Boutique in der Schweiz (Zürich) eröffnet und da kam es gelegen, eine Deutschland / Österreich / Schweiz Edition zu lancieren.

Die Community kann sich auch in den kommenden Jahren auf weitere neue Modelle freuen. Genauso wie wir in diesem Jahr die ‚Marina Militare‘ gelauncht haben, werden wir in Zukunft vielleicht auch ein Modell der Ägyptischen Marine widmen (ähnlich wie die Egiziano aus dem Jahr 2009). Und mit der Kollektion ‘Radiomir’ haben wir uns dem historischen Erbe der Marke verschrieben. In den nächsten fünf Jahren werden wir einige neue Modelle vorstellen. Ich werde gerne auch eine Neuauflage der Referenz 6154 in Betracht ziehen, was innerhalb der Community schon länger gewünscht wurde.

11. E-commerce gegen Retail. Wo sehen Sie welches Potential für die Marke Panerai, jetzt und in der Zukunft?


Ich bin ein großer Fan von E-commerce. Es bietet uns eine großartige Möglichkeit all die Kunden zu erreichen, die keinen stationären Händler in ihrer Nähe haben, besonders in Indien, Asien und Amerika – und Indien ist ein enorm stark wachsender Markt für uns. Einzelhandel und E-commerce sind gleichermaßen wichtig für mich und die Marke. Wir bauen das E-commerce Geschäft aber auch in Europa aus, da sich das Kaufverhalten der Menschen ändert. Sie haben sich angewöhnt, verstärkt online zu kaufen.

12. In welche Richtung bewegt sich Ihrer Meinung nach die Uhrenindustrie?


Ich bin mir ziemlich sicher, dass die 30 größten Marken noch mehr Bedeutung bekommen werden. Mechanische Uhren werden immer beliebter und die Smart Watches haben den Schweizer Uhrenmarkt nicht beeinflusst. Die Herausforderung wird sein, dass die Marken sich noch klarer positionieren müssen, um sich von anderen Marken abzuheben. Auf der anderen Seite muss die Geschichte einfach und verständlich erzählt werden. Wenn man den Kunden mit zu vielen Informationen versorgen muss, wird er sein Interesse verlieren. Das sieht man alleine schon daran, wie sich der Content über die Sozialen Medien verändert hat. Es muss knapp und prägnant sein, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen.