Swisswatches Audemars Piguet Royal Oak 15202Bc 001

Vom Aussenseiter zur Ikone der Uhrenbranche - die Royal Oak von Audemars Piguet

Wo würde die Uhrenmarke Audemars Piguet heute stehen, hätte es die Royal Oak nie gegeben? Kurzzeitig war der Name Royal Oak bekannter als die Marke selbst. Man überlegte sogar, eine zweite Brand ins Leben zu rufen. Momentan ist der Hype um das neuste Modell der Royal Oak wieder zu exorbitanten Höhen aufgebrochen. Was macht diese Uhr eigentlich so Kult?

Anfangs lief alles eher schleppend. Die Royal Oak musste bei ihrer Lancierung 1972 viel Spott ertragen. Allen voran der Tatsache geschuldet, dass sie die erste Sportuhr mit Stahlgehäuse war, ein total unkonventioneller Weg für die damalige Zeit.

Stahl wurde als „Billigwerkstoff“ beschimpft, Material aus dem „Küchenspülbecken“, spotteten viele Kritiker. Außerdem war sie mit ihren 39mm Gehäuseumfang viel zu wuchtig – kleine Uhren zierten die Handgelenke von Frauen wie Männern gleichermaßen. Dann war da noch die oktogonale Lünette, die absolut nicht in das Markenbild von Audemars Piguet, und schon gleich gar nicht zum damaligen Stil passen wollte.

Was aber einst fast das Genick der Marke brach, ist heute das wirtschaftliche Rückgrat von Audemars Piguet. Zu verdanken haben sie es einer Nacht und Nebel Aktion kurz vor der Neuheitenpräsentation auf der Basler Mustermesse im Jahr 1971 und den plötzlichen Kindheitserinnerungen von Gérald Genta, dem Mastermind hinter der Royal Oak.

Gérald Genta, der sich selber als Uhren-Stylisten titelte (der Ausdruck ‚Designer‘ kam erst später) war bereits 20 Jahre für Audemars Piguet tätig. Er arbeitete eng mit dem damaligen Generaldirektor Georges Golay zusammen und kein Modell wurde lanciert, ohne dass Genta und Golay es nicht abgenommen hatten. Kurz vor dem Messe Termin in Basel 1971 bekam Genta einen Anruf von Golay. Ein Entwurf für eine sportliche Stahluhr für den italienischen Markt musste bis zum nächsten Morgen her.

Genta bringt in dieser Nacht einen einzigen Entwurf zu Papier – es war die Royal Oak, inspiriert von einer Kindheitserinnerung, als er einen Taucher beobachtete, wie er seinen Taucherhelm anlegte und mit acht Bolzen und einer Gummidichtung verriegelte. Wenn das ein Menschenleben vor dem Wasser schützen kann, dann geht das auch bei einer Uhr, dachte sich Genta.

Der italienische Vertriebler Carlo De Marchi war am nächsten Morgen zwar angetan, doch große Lobeshymnen blieben aus. In der Schweiz und in Italien brauchte es drei Jahre, um je 400 Royal Oak Uhren zu verkaufen. Und einen Namen gab es bei der offiziellen Markteinführung am 15. April 1972 auch noch nicht. Sie bekam anfangs den Spitznamen ‚Safari‘ – ein Hauch von Wüste und Abenteuer, redete man sich ein.

Es war der oben erwähnte Importeur Carlo De Marchi, der das Modell letztendlich Royal Oak taufte. Warum ist nicht sicher belegt, es gab allerdings zwei geschichtliche Ereignisse, die zur Erklärung beitragen könnten. Das erste Ereignis ist auf König Karl II zurückzuführen, als er sich im Jahr 1651 auf der Flucht befindend auf eine englische Eiche rettete. Aus dem Baum wurde historisch betrachtet ein ‚Royal Oak‘. Der zweite Hinweis kommt aus der britischen Marine, bei der seit 1664 die Kriegsschiffe traditionsgemäß ‚HMS Royal Oak‘ genannt wurden und ihre Rümpfe mit Stahl überzogen waren, was De Marchi wohlmöglich an die Uhren erinnern ließ.

Doch trotz aller Kreativität und der nostalgischen Namensgebung blieb der Erfolg aus. Zu wuchtig, zu ungewöhnlich und mit 3650 Schweizer Franken für eine Stahluhr viel zu teuer. Dann blitze 1974 unterm Anzug des FIAT Bosses Giovanni Agnelli eine Royal Oak am Handgelenk hervor. Agnelli war ein mächtiger Unternehmer, ein Vorbild, ein Kapitän und Stil-Ikone seiner Zeit. Die Uhr erfuhr über Nacht einen kometenhaften Aufstieg. Die Werbekampagnen wurden erstmals mit Markenbotschaftern bespielt und plötzlich wollten alle Uhrenfans das Produkt, das so anders war. Die Kritiker ließen sich vom Hype mitreisen und konvertierten zu Liebhabern. Die Kenner schätzten das Design und vor allem auch die technischen Eigenschaften. Denn neben der kontroversen Ästhetik der Uhr darf man nicht außer Acht lassen, dass die Uhr so komplex war, dass nur Verkaufsstellen mit einem hauseigenen Uhrmacher einen Kundendienst anbieten konnten.

Gérald Genta verwendete erstmals rostfreien Edelstahl für eine Luxusuhr, was gut zum Konzept einer wasserdichten Sportuhr passte. Audemars Piguet verarbeitete diesen günstigeren Werkstoff allerdings wie ein edles Material. Der Weg für ein nachhaltiges Image war geebnet. Weil das Material aber so widerspenstig war, gestaltete sich die Verarbeitung und Veredelung schwierig. Schaut man sich die Royal Oak Gehäuse genauer an, so sind sie fein säuberlich poliert und satiniert, die Lünette gebürstet mit abgeschrägten lapidierten Kanten. Die Verarbeitung stellte Favre & Perrier, einen Spezialisten für Gehäuse aus Gold vor neue Herausforderungen. Sie mahnten sogar Genta, dass es nicht funktionieren würde. Aber da für Genta Stahl DAS Material des ausklingenden Jahrhunderts war, blieb er hartnäckig und wurde belohnt.

Gehäusemittelteil und Boden wurden aus einem Stück gefräst, was die Dichtigkeit wesentlich erhöhte. Eine Kautschukdichtung wurde geschickt zwischen zwei Einbuchtungen in die Lünette gedrückt, auf das Gehäuse gesetzt und von acht Schrauben komprimiert.

Auch das Band war ungewöhnlich und ebenfalls komplex in der Herstellung. Die Glieder wurden von den Bandanstößen Richtung Schließe hin immer schmaler. Da Stahl sich nur schwer bearbeiten ließ und die Glieder unterschiedlich groß waren, erfolgte die Montage ausschließlich per Hand.

Zu guter Letzt gehört zu einer echten Royal Oak die ‚Tapisserie‘-Guillochierung auf dem Zifferblatt genauso dazu, wie der Kubismus zu Picasso. Die Herstellung setzt eine Spezialausbildung voraus und dauert mehrere Stunden.

Ganz getreu dem geordneten Ungehorsam hat die Royal Oak in den letzten 47 Jahren immer wieder für Überraschungen gesorgt. Dazu gehört die Royal Oak Offshore – kurz nach dem 20-jährigen Jubiläum wurde sie 1993 lanciert, ein Modell für ein jüngeres und vorwiegend männliches Publikum, denn zu dieser Zeit fingen die Damen an Herrenuhren zu tragen, also brauchten die Herren eine Uhr, die sich in ihrer Größe abhob. Die Kautschuk-Dichtung wurde plötzlich sichtbar, ein Chronograph erweiterte das Sortiment. In den Folgejahren kamen Varianten mit Kautschuk- und Lederband dazu, mit Gold- und geschmiedeten Karbongehäusen und sie wurden mit diversen Komplikationen von zwei Zeitzonen über Ewige Kalender, Tourbillons, Flyback Chronographen und extraflachen Werken getuned.

In diesem Jahr hat Audemars Piguet eine neue Royal Oak ‚Jumbo‘ Extraflach in Weißgold mit einem lachsfarbenen Zifferblatt vorgestellt, die wieder alle genauso verrückt macht, wie schon das Vorgängermodell aus Edelstahl, das 1992 anlässlich des 20. Jubiläums der Royal Oak lanciert wurde.

Die ersten Prototypen der Royal Oak hatte Gérald Genta übrigens in Weißgold fertigen lassen, da sich das Material leichter verarbeiten ließ als Edelstahl. Somit ist es indirekt auch eine Hommage an die Anfangszeiten, abgesehen von der vorhandenen Nachfrage nach Modellen in Weißgold.

Als wir das Modell kürzlich im AP House abholten war für uns klar – es ist die ästhetischste moderne Ausführung der Royal Oak, dicht gefolgt von der Royal Oak ‚Jumbo‘ Extraflach in Titan/Platin (Ref. 15202IP.00.1240IP.01) mit einem ‚Petite Tapisserie‘-Zifferblatt in Smoked Blue bzw. Stahl (Ref. 15202ST.00.1240ST.01) mit einem blauen Zifferblatt. Die beiden blauen Versionen sind etwas zugänglicher als die neue lachsfarbene Ausführung, die in Wirklichkeit roségoldfarben ist.

Die Uhr war wie ein guter Geist, der genauso schnell verschwand wie er kam, Spuren hinterlassen hat und sich vermutlich nicht wieder blicken lässt. Bei einer Jahres-Limitierung von 75 Stück wird für viele sogar der flüchtige Geist zu einem Mythos. Was aber bleibt: eine echte Ikone der Uhrenbranche.

*Quelle: ROYAL OAK - Audemars Piguet, von Martin K. Wehrli und Heinz Heimann, 2012

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